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Kirche und ...

Hier erscheinen beispielhafte Kommentare von Mitgliedern unserer Evangelischen Gemeinde zu aktuellen Themen.

  • Kirche und ... z.B. Zivilgesellschaft

"Es kommt ein Schiff geladen"

Gedanken zum EKD-Beitrag zur Aktion "United4rescue"
von Mathis Oberhof - 06.02.2020
Dramatische Vorbemerkung:
Als mein mittlerer Sohn Benni zwei Jahre alt war, kletterte er in solch kraftvoller Unbekümmertheit über den Zaun, den ich um den Fischteich im heimischen Garten gezogen hatte, dass er vornüber in das immerhin 1,50 m tiefe Bassin fiel. Sein Vater saß zu diesem Zeitpunkt im Büro, seine Mutter telefonierte im Wohnzimmer, beide ahnten nichts vom drohenden Unheil. Bennis fünfjähriger Bruder Wanja aber, der in unmittelbarer Nähe war, reagierte intuitiv vollkommen richtig: Ohne seine Mutter aus dem nur 10 m entfernten Wohnzimmer zu Hilfe zu holen, zog er als erstes den kleinen Benni aus dem Wasser. Er bewahrte ihn vor schweren gesundheitlichen Schäden, vielleicht sogar vor dem Tod. Was in den kommenden Stunden und Tagen an Bewunderung, Lob und Dankbarkeit dem Bub im Vorschulalter von seinen Eltern, Bekannten und Verwandten und von Nachbarn ausgedrückt wurde, hat ihn - so habe ich es in Erinnerung - nachhaltig stolz gemacht und geprägt für sein ganzes weiteres Leben, in dem Sinne, dass Menschen in Not geholfen werden muss. Sofort. Und ohne nachzudenken.
Knapp 30 Jahre später lese ich immer wieder einen Gedanken zum Thema Rettung ertrinkender Flüchtlinge im Mittelmeer, den der fünfjährige Wanja schon wusste: „Menschen in (See-)Not muss man retten. Punkt."
Mitte Januar ging die Meldung durch die Presse, dass das Bündnis "United4rescue" (Gemeinsam für Rettung), das bisherige Forschungsschiff „Poseidon“ ersteigert habe, und dass es nun zügig zu einem Seenotrettungsschiff ausgebaut werden soll, um im Mittelmeer Leben zu retten.
Das Bündnis war vom Vorsitzenden des Rats der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Bischof Bedford-Strohm initiiert worden und hat inzwischen über 1 Million € Spenden gesammelt, darunter auch eine Spende des Vorsitzenden der katholischen Bischofskonferenz Kardinal Marx in Höhe von 50.000 €. Als ich diese Meldung las, schoss mir die Liedzeile eines Kirchenliedes in den Kopf: „Es kommt ein Schiff geladen“. Nein, dies Lied handelt nicht von Flüchtlingsrettung, sondern es ist ein Weihnachtslied. Das Lied handelt von der Freude der Ankunft des Messias, das Schiff ist geladen mit Gottes Sohn. Ich stellte mir nun ein auch mit den Mitteln unserer Kirche finanziertes Seenotrettungsschiff voller Flüchtlinge vor und dachte an das Jesuswort "Wahrhaftig, ich sage euch, alles, was ihr für eines dieser meiner geringsten Geschwister getan habt, habt ihr für mich getan" (Matthäus 25,40). Und noch deutlicher und für mich berührender war beim Nachlesen die Zeile aus der zweiten Strophe dieses Liedes "Das Segel ist die Liebe!“.
Ja, das Segel des Seenotrettungsschiffes POSEIDON ist die christliche Nächstenliebe! Ich weiß wohl, dass es in unserer Kirche und auch in unserem Pfarrsprengel zur Frage des Umgangs mit Flüchtlingen geteilte Meinung gibt. Das widerspiegelt nur die Zerrissenheit in der gesamten Gesellschaft. Um diese Zerrissenheit zu überwinden, braucht es aus meiner Sicht viel mehr Anstrengungen wieder mehr einander zuzuhören, toleranter gegenüber anderslautenden Meinungen zu werden und unsere Fähigkeit zu entwickeln, Andersartigkeit egal ob in Meinungen, Hautfarbe oder politischer oder sexueller Orientierung als Chance für Bereicherung und nicht als Bedrohung zu empfinden.
Aber das Retten ertrinkender Menschen, darf kein Streitpunkt von Pro und Contra sein, Ertrinkende aus dem Wasser zu holen, das wusste schon der fünfjährige Wanja, das ist die Pflicht jedes Menschen. Punkt.
Die gemeinsame Aktion von Kirchen und Organisationen der Zivilgesellschaft "United4rescue" zeigt für mich: Wir fühlen uns verantwortlich für das, was an den Außengrenzen der Europäische Union passiert. Wir wollen nicht hinnehmen, dass noch mehr als jene 35.000 die seit 1988 im Mittelmeer ertrunkenen sind, den „nassen Tod" erleiden.
Dass die EKD wie auch wichtige Vertreter der katholischen Kirche in Deutschland zusammen mit vielen anderen Organisationen mit der Anschaffung des Seenotrettungsschiffes “Poseidon“ ein Zeichen gesetzt haben, macht mich stolz. Auf unserer Kirche, auf die Barmherzigkeit und Solidarität in unserem Land, und Hoffnung, dass das grausame Ertrinken (lassen) im Mittelmeer endlich ein Ende finden kann.

Letzte Änderung am: 10.02.2020