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Literaturabende April 2017 / Mai 2019 - Zusammenfassung

Kaufmann, Thomas: Luthers Juden, Reclam 2014
Kaufmann, Thomas: Luthers Judenschriften, Mohr Siebeck 2. Auflage 2013

Die zwei Judenschriften von 1523 und 1543

Luther verfasste im Abstand von genau 20 Jahren zwei grundlegende Texte zu den Juden seiner Zeit und Umgebung. Während der erste Text 1523 um eine Integration der Juden in Kirche und Arbeitsleben warb, verdammte Luther die Juden 1543 grundsätzlich als des Zornes Gottes und des Teufels verfallen. Während er 1523 die Taufe vieler Juden und deren Anerkenntnis von Jesus als Gottessohn erwartete, warb er 1543 bei der Obrigkeit um die Vertreibung aller Juden und die Zerstörung ihrer Häuser und Synagogen. Auch wenn Luther nicht die Vernichtung der Juden an sich forderte, so verdammte er sie doch in einer grundsätzlichen antisemitischen Form.

Was bewirkte Luthers Meinungsumschwung?

Luther war 1543 darüber entsetzt, wie sich das Verhältnis der Juden zur Reformation entwickelt hatte. Er sah sich selbst und durch ihn die Deutschen in Schuld geraten. Diese Schuld wollte Luther abtragen und wieder gut machen, in dem er für die Bereinigung der christlichen Welt von den Juden warb. Luthers und seiner Zeitgenossen Naherwartung des bald kommenden Jüngsten Gerichts spielte hier eine wichtige Rolle. Luther fühlte sich und die Reformation von den Juden verraten. Das las er aus wahrscheinlich nur zwei Unterredungen mit gebildeten Juden und der sogenannten Konvertitenliteratur heraus. In der Konvertitenliteratur schrieben zum Christentum übergetretene zeitgenössische Juden überwiegend negativ über ihre alten Glaubensgenossen. Die Dialogschriften, die in der Nachfolge von Luthers werbender Judenschrift von 1523 erschienen, waren ein weiterer ausschlaggebender Grund für das Verfassen der verdammenden Judenschrift von 1543. Die Dialogschriften bestanden aus zum Teil fiktiven Unterhaltungen zwischen Christen, meist Hebraisten und Juden über ihr gegenseitiges Glaubensverhältnis. Besonders die Dialogschrift von Sebastian Münster (Basel 1540), einer der führenden Hebraisten seiner Zeit, versetzte Luther in einen Alarmzustand, weil hier die Argumentationskraft des Juden erschreckend stark gegen die Argumente des Christen erschienen.

Die unterschiedliche Rezeption der beiden Judenschriften

Während die wohlwollende Judenschrift von 1523 hohe Auflagen und weite Verbreitung fand, wurde die verdammende Judenschrift von 1543 mit viel Kritik und Ablehnung, vor allem der süddeutschen Reformatoren, entgegengenommen. Ihre Verbreitung wurde sogar auf kaiserlichen Erlass hin einige Jahre nach Luthers Tod verboten. Orthodoxe Lutheraner in der Zeit des Konfessionalismus nahmen zwar positiv auf sie Bezug. Sie blieb auch politisch in einigen Gegenden Nord- und Mitteldeutschlands nicht ohne negative Folgen. Aber vom Ende des Dreißigjährigen Krieges an bis zum späten 19. Jahrhundert, schien sie unbekannt geblieben zu sein. Die Erneuerung der Reformation im Pietismus folgte Luthers wohlwollender Judenschrift von 1523. Und zu den beiden Reformationsjubiläen 1817 und 1830 beteiligten sich Reformjuden mit positiven Reden auf Luther.

Die prekäre Lutherrezeption im völkischen und später nationalsozialistischen Deutschland

Nach der Reichsgründung 1871 mehrten sich antisemitische Einstellungen im überwiegend nord- und mitteldeutschen protestantischen Bildungsmilieu. Ein erster Höhepunkt dieser Bewegung war eine Petition an Reichskanzler Bismarck, die mit 265000 Unterschriften unterstützt wurde. Hier forderte man die Rücknahme der Bürgerrechte, die den Juden seit 1848 gewährt wurden. In diesem Zusammenhang (1881) erschien eine anonyme Schrift eines Theologiestudenten und Lutherkenners, die auf Luthers verdammende Judenschrift von 1543 hinwies. Wenig später (1887) erschien Theodor Fritschs „Handbuch der Judenfrage“ zuerst noch unter einem anderen Titel und dann bis 1944 in insgesamt 44 Auflagen. Fritsch zitierte Luthers antisemitische Aussagen und Forderungen bei gleichzeitiger Weglassung von Luthers theologischer vor allem christologischer Argumentation. Nach diesem Muster und Vorbild erschienen in der nachfolgend völkisch und später nationalsozialistisch geprägten Zeit zahllose antisemitische, auch christliche Publikationen, die sich auf Luthers späte Judenschrift bezogen. Alfred Rosenberg, der Chefideologe der Nationalsozialisten antwortete seinen Anklägern beim Nürnberger Prozess, nicht er, sondern Luther müsse dort eigentlich sitzen. In der Tat waren sich viele Autoren, Pfarrer und auch Bischöfe in ihrem Antisemitismus einig in ihrer Nachfolge Luthers. Die Bewegung der Arisierung von Jesus Ende des 19. Jahrhunderts führte über die Geschlossenheit der völkischen antijüdischen Deutschen Christen in den Zwanziger und Dreißiger Jahren hin zur Gründung des Instituts zur Beseitigung des Judentums aus dem Neuen Testament in Erfurt unter bischöflicher Schirmherrschaft. So begrüßten der Thüringer Landesbischof Martin Sasse und sein mecklenburgischer Kollege Walter Schultz in einer Broschüre und in einem Sendschreiben an seine Pfarrer wenige Tage nach der Reichsprogromnacht 1938 das Geschehen positiv als Erfüllung des Willens Martin Luthers. Heute werden Auszüge von Martin Luthers später Judenschrift auf rechtsradikalen Seiten im Internet beworben.

Besonders herausgehobene Literatur

Lutherschriften:

1513-15, Erste Psalmenvorlesung
1521, Lobgesang der heiligen Jungfrau Maria, genannt das Magnificat
1523, Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei
    1538, Wider die Sabbather an einen guten Freund

1543, Von den Juden und ihren Lügen
    1543, Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi
    1543, Von den letzten Worten Davids

Auswahl weiterer genannter Literatur:

Lehrbrief Rabbi Samuels an einen Rabbi Isaak, wahrscheinlich 14. Jahrhundert
Lorenzo Valla; 1444, Entlarvung der Konstantinischen Schenkung
Giovanni Pico de la Mirandola:
    1506, De rudimentis Hebraicis
    1512, 7 Bußpsalmen
Johannes Reuchlin, 1511, Augenspiegel
Anton Margarithas, 1530, Der gantz jüdisch glaub
Sebastian Münster, ca. 1540, Dialogschrift

Philipp Jakob Spener, Pia desideria (Programmschrift des Pietismus), 1675
Gottfried Arnold, Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie, Frankfurt 1729, S. 886

Luther und die Juden. Den deutschen Studenten gewidmet von einem Kommilitonen, Leipzig 1881
Theodor Fritschs: Handbuch der Judenfrage, 1887-1944, 44 Aufl.
Alfred Falb, Luther und die Juden, München 1921
Alfred Rosenberg, Protestantische Rompilger, München 1937
Martin Sasse, Martin Luther über die Juden: Wegmitihnen!, Freiburg/Br. 1938

Geschichtsdaten

Eroberung von Konstantinopel, 1453
Reconquista, 1213 – 1492
Viertes Laterankonzil, 1215 – Transsubstantiation, Bußpflicht, Judenfleck
Vertreibung der Johanniter von Rhodos, 1522
Erste türkische Belagerung Wiens, 1529

Letzte Änderung am: 03.05.2019